Gedanken zum Sonntag

- 25.10.2017 - 

Das Reformationsfest und die Seligpreisungen

 

Am 31. Oktober feiern viele den 500. Jahrestag der Veröffentlichung der 95 Thesen Martin Luthers. Es wurde an vielen Orten und zu vielen Anlässen an dieses große, unsere Geschichte beeinflussende Ereignis erinnert. Und um die Bedeutung der Reformation zu betonen, wird der 31. Oktober in diesem Jahr einmalig sogar als staatlicher Feiertag begangen.

 

 

Zwei große Themen sind mir heute mit Blick auf die Reformation besonders wichtig:
Unsere Kirchen bedürfen immer der Erneuerung! „Die Kirche ist immer zu reformieren“, hieß es damals. Heute spreche ich lieber im Plural von den Kirchen. Sie haben alle an sich zu arbeiten. Sie werden in ihrer Entwicklung nie vollkommen und tadellos sein. Es hilft allerdings wenig, wenn ich diese Forderung nach Erneuerung von außen an die Kirche herantrage. Wenn ich als Einzelner oder als kleine Gruppe denke: „Ich bin in Ordnung, aber die Institution Kirche ist es nicht.“  Eine Kirche kann gar nicht Kirche sein ohne die Einzelnen und ohne die Gemeinden, die in ihr wirken. Die Erneuerung muss von innen kommen. Alle, die glauben, alle die sich als Christen verstehen, bedürfen der Erneuerung – damit werden wir auch nie fertig. Keiner von uns lebt sein Christsein vollkommen und tadellos. Und wenn ich unsere Kirchen als schwach und unsicher erleben, dann sind es immer die Menschen in ihr, die schwach und unsicher sind, die zu sehr an sich und zu wenig an den Nächsten denken. Deshalb gilt der Ruf nach Erneuerung jedem Einzelnen und jeder Einzelnen in unseren Kirchen – daran erinnert uns die Reformation!

Das zweite große Thema sind die Seligpreisungen. Sie sind in unserer evangelischen Kirche als Evangelium dem Reformationstag zugeordnet. Ich nenne nur eine Seligpreisung aus der Bergpredigt: Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen! (Matthäus 5,7). Was bedeutet diese Seligpreisung? – Sie ist eine große Einladung, sich auf die Kraft der Liebe einzulassen. Eine Einladung, dem zu vertrauen, der sie uns zuspricht. Bevor ich etwas im Leben leiste, bevor ich entscheide oder arbeite, hat Gott an mir gewirkt. Bevor ich mich für den Glauben entscheide, hat er längst gehandelt, mir mein Leben ermöglicht, mich Liebe erfahren lassen, mir Kraft zu atmen und laufen geschenkt.  Und wenn ich merke, dass ich nicht vollkommen und tadellos bin, dass ich nicht so bin, wie ich mich gerne hätte, dann darf ich darauf vertrauen, dass Gott trotzdem zu mir steht. Und ich darf mich auf seine Verheißungen einlassen. Wer Barmherzigkeit sät, der wird auch Barmherzigkeit ernten. Das kann ich nicht machen und fordern. Aber Jesus Christus sagt mir in seinen Seligpreisungen: „Vertraue mir! Denke nicht, dass du die Welt verändern und die Menschen vervollkommnen kannst. Aber vertraue mir, dann wirst Du erfahren, dass ich Dir Barmherzigkeit schenke, dass bei allem, was in deinem Leben unvollkommen und schwach, fehlerhaft und bruchstückhaft ist, ich dir das Leben in Fülle schenken werde.“
In der Reformationszeit hieß es, „allein die Gnade“ zählt.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, dass diese 2 Themen Sie auf Ihrem Lebensweg begleiten: die Arbeit an der eigenen Erneuerung und das Vertrauen auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit! 

Rüdiger Krauth, Dekan des Evang. Kirchenbezirks Adelsheim-Boxberg