Geh aus mein Herz und suche Freud...

- 20.07.2017 - 

Liebe Leserin, lieber Leser,

wir sind zwar jetzt im Lutherjahr 2017 und feiern 500 Jahre Reformation. Doch weitaus mehr als durch Martin Luther selbst wurde mein Glaube durch Menschen geprägt, die das evangelische Bekenntnis in Lieder gefasst haben. Jochen Klepper, Matthias Claudius und natürlich der Pfarrer und Liederdichter Paul Gerhardt (1607 – 1676) und die Musiker wie Johann Crüger, die deren Texte vertonten, sind bis heute die, die mir Kraft und Zuversicht und Hoffnung geben, weil mein Inneres in allen Lebenslagen Melodien und Texte hat, die sie mir zusingen und zumusizieren.

 

 

 

 

Eines meiner Lieblingslieder ist das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“. Gedichtet hat Paul Gerhardt dieses Lied 1653. Seine Kinder- und Jugendjahre waren überschattet vom dreißigjährigen Krieg, er erlebte mit, dass in manchen Gegenden bis zu zwei Drittel der Bevölkerung umkamen durch Kriegswirren, Hunger wegen vernichteter Ernten oder dem Verfall der Höfe, weil die Bauern umgebracht wurden und durch die Pest.  Seine Frau hat er 1655 geheiratet, das Paar bekam fünf Kinder, von denen nur eines das Erwachsenenalter erreichte.

 

Nicht wahr, heute würden wir die Diagnose stellen, dass diese beiden Menschen traumatisiert, sogar sehr stark traumatisiert waren. Damals gab es noch keine Psychologen, keine Psychotherapeuten oder Psychoanalytiker, die helfen konnten. Doch Paul Gerhardt therapierte sich und seine Frau selbst. Indem er seine Glaubenslieder, die oft mitten in dieser Welt beginnen und mit dem Ausblick auf die Ewigkeit enden, dichtete und sang. Und so sang er auch dieses Lied, das er lange vor der Hochzeit gedichtet hatte, seiner Frau, seinem Herzen, als diese trauerte und deprimiert war, weil wieder ein Kind gestorben war.

 

Und er geht in diesem Lied einen Weg. Einen Glaubensweg, der auf hervorragende Weise in leicht verständlichen Worten zeigt, dass Theologie für den Menschen da ist. Und jede Theologie, die Menschen nicht verstehen können, darf sich nicht Theologie nennen. Der Weg führt heraus aus dem Haus, heraus aus dem Umfeld, das immer wieder an das Leid und die Trauer erinnert und die Seele in die Tiefe zieht, hinaus in die Weite der Natur, die glaubenden Menschen die Weite und die Gaben Gottes erschließt.

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

in dieser lieben Sommerzeit

an deines Gottes Gaben;

schau an der schönen Gärten Zier

und siehe, wie sie mir und dir

sich ausgeschmücket haben.

 

Dann führt er im einzelnen aus, was er draußen in der Natur beobachtet, lässt sich erfüllen von den Bildern, die er sieht, von dem Reichtum den Gott seinen Menschenkindern schenkt. So besingt er den wachsenden Weizen. Er, der Hunger und Not und Vernichtung der Ernte über Jahrzehnte erlebt hat, freut sich an der Friedenszeit und daran, dass nun wieder Lebensmittel in Hülle und Fülle vorhanden sind und die ausgehungerten Menschen satt werden können. Er ist darüber glücklich, dass in dieser Friedenszeit das menschliche Gemüt mit all seinen vielen Gaben wieder zum Zug kommt, das in der harten Kriegszeit immer mehr verroht war.

Der Weizen wächset mit Gewalt;

darüber jauchzet jung und alt

und rühmt die große Güte

des, der so überfließend labt

und mit so manchem Gut begabt

das menschliche Gemüte.

 

So zieht er nun sein Fazit, indem er jubelt, dass er trotz aller Trauer, trotz allem Schwerem, das er und seine Frau erlebt haben nun gar nicht mehr anders kann als in dieses Singen und Klingen und Jubeln, das Gott ihm in den Melodien der Natur vorgegeben hat, einfach mit einstimmen muss. Er kann gar nicht anders, als seine Trauer hinter sich zu lassen und seine Freude und seinen Dank für Gottes Gaben in die Welt zu singen.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,

des großen Gottes großes Tun

erweckt mir alle Sinnen;

ich singe mit, wenn alles singt,

und lasse, was dem Höchsten klingt,

aus meinem Herzen rinnen.

 

In den kommenden Versen nun führt Paul Gerhardt aus, wie Gott ihn selbst ausfüllt, was sein Glaubensleben prägt, woraus er seine Hoffnung schöpft. Das Sehen des Wirken Gottes in der Natur und die Glaubensgewissheit des Liederdichters werden immer enger miteinander verwoben. Und so schließt er mit der Hoffnung auf das ewige Leben. Alles Leid, alle Trauer, alle Hoffnung und Freude, die unser fragmentarisches, todbedrohtes und angstvolles Leben kennzeichnet, sind aufgehoben in Gott. Aus dieser Glaubens- und Heilsgewissheit erhält unser Leben seinen Sinn, nämlich den Mut und die Freude, Gott und damit den Nächsten zu dienen, hier und im ewigen Leben. Dieser Mut, es ist die Demut. Die steht dem Wutbürger und Individualisten unserer Zeit als einzig zukunftsträchtige Alternative gegenüber.

Erwähle mich zum Paradeis

und laß mich bis zur letzten Reis

an Leib und Seele grünen,

so will ich dir und deiner Ehr

allein und sonsten keinem mehr

hier und dort ewig dienen.

 

Pfarrer Karl Kreß

Schachleiterstraße 40

 

74731 Walldürn