Gedanken zum Sonntag

- 12.04.2017 - 

Karsamstag

 

Dieser Tag war für mich immer anders als andere. Damals, als ich Kind war, aufgewachsen in einem kleinen Weiler , dessen Bewohner sich als Haupt- und später dann Nebenerwerbslandwirte ihren Unterhalt verdienten, war dieser Tag einer der ruhigen im Jahr. Die Schlepper blieben in der Garage, gearbeitet wurde nur das Notwendige um das Vieh zu versorgen, im Haus wurden die letzten Vorbereitungsarbeiten für das sonntägliche Osterfest getroffen. Ganz besonders wichtig, die Väter hatten Zeit um miteinander zu reden und Zeit für uns Kinder. Ein ruhiger und besinnlicher Tag. Jesus liegt im Grab, die Dorfgemeinschaft bedenkt dies, indem die Arbeit soweit wie möglich ruht.

 

 

Später, ich war schon einiges über vierzig Jahre alt, hatte ich einen väterlichen Freund. Ein älterer Theologieprofessor, der schon zwei Herzinfarkte hinter sich hatte. Der hatte die besondere Gabe des Erzählens. Und er konnte auch Bilder so betrachten, dass seine Zuhörer mit in das Erleben dieses Bildes hineingezogen wurden. Eines seiner wichtigsten Motive war der Isenheimer Altar.

Zwei Motive waren diesem Mann besonders wichtig. Zum einen war es Jesus am Kreuz, zum anderen das weltberühmte Bild der Auferstehung. Seht, so sagt er seinen Studenten, genauso ist das Leben von uns Christen. Es kippelt zwischen Kreuz und Auferstehung. Es steht ständig auf der Kippe, bei uns ist immer Karsamstag. Wir sind noch nicht hindurch, wir leben noch in dieser Welt und doch ist Jesus auferstanden und lebt. Und wir mit ihm, so wie uns ja verheißen ist.

Hier und heute sind wir Kreuzesexistenz. Jeder Mensch muss auf seine je eigene Weise sein Kreuz tragen. Wir sind wohlhabend in Deutschland. Und doch gibt es Unzählige, die gerade am Existenzminimum leben, die an der Grenze zur Armut leben und um ihre Existenz kämpfen müssen. Sozialer Wohnraum fehlt. Kinder verwahrlosen und haben keine Chance, je einen Schul- und Bildungsabschluss zu bekommen. Gewalt gibt es in Familien, Ehen zerbrechen, Alkohol- und Drogensucht gefährden mehr Menschen als wir ahnen, Krankheiten, oft vor der Öffentlichkeit aus Scham verborgen, zerstören die Menschen körperlich und seelisch. Und das Sterben, oft ist es anonymer geworden, verlagert in die sterile Apparatekälte von Intensivstationen der modernen Medizin. Hin und wieder gelindert durch Hospize. Schlagen wir die Zeitung auf überfallen uns die Querelen der täglichen Realpolitik mit ihren Ungerechtigkeiten, Berichte von Flüchtlingselend auf dem Mittelmeer, Hunger und Bürgerkrieg in Afrika, Kinder, die an Giftgas sterben, Bomben zur Vergeltung wieder auf leidende Menschen. Leid, Elend, Not und Tod, wohin wir schauen. Kreuzesexistenz eben, ausgelöst durch menschliche Schuld und durch das Leben in dieser schönen, wunderbaren und doch dem Tod verfallenen Welt.

Und dann der Gegensatz. Die Lichtgestalt des Christus, der aus dem Grab ins Leben gerufen wird. Nicht Wiederkehr eines Gestorbenen oder Scheintoten, sondern Erstling einer neuen Schöpfung, Erstling der neuen Himmel und der neuen Erde. Hoffnung für uns unter dem Kreuz lebende, leidende Menschen. Die Verheißungen der Bibel, im Auferstandenen sind sie schon verwirklicht. Gottes Wohnung unter den Menschen, ein neuer Himmel und eine neue Erde, Wolf und Lamm werden Freunde. Alles Bilder, die jedoch durch die Auferstehung des Herrn Realität werden.

Unser Leben, es kippelt, es steht auf der Kippe. Der Karsamstag regt uns zum Blick auf das Kreuz an, zum Blick auf das Leid der Welt, an. Doch er kippt dann hinüber in eine andere Welt, in eine andere Dimension, in eine neue begründete Hoffnung auf den Ostermorgen. Auf den Morgen, an dem aller Welt zugerufen wird: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Und wir mit ihm. 

 

Pfarrer Karl Kreß, Walldürn