Wer kommt zuerst?

- 03.02.2017 - 

 

"Die Menschen sind schlecht, sie denken an sich, nur ich, nur ich, nur ich denk' an mich." Im Kanon gesungen, mit nacheinander einsetzenden Stimmen, ist nur noch zu hören: "Nur ich, nur ich, nur ich ..." - Dieses Lied kam mir in den Sinn, als ich am Tag nach der Vereidigung des neuen amerikanischen Präsidenten die Schlagzeile las: "... Amerika zuerst, Amerika zuerst", ein Zitat aus seiner Antrittsrede.

 

Das passt nicht zusammen“, dachte ich, „Da schwört der Präsident seinen Amtseid und legt seine Hand auf gleich zwei Bibeln ab. Aber: der oberste Grundsatz seines Handelns als Präsident 'Amerika zuerst' steht im Gegensatz zum Gebot Jesu: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Das gilt nicht nur für einzelne, sondern für alle Völker in unserer Welt. Nur das Gleichgewicht zwischen der Sorge um das eigene und das Wohl der anderen dient dem Frieden.

Uns Christen werfen andere gerne vor: "Eure Worte und euer Handeln passen nicht zusammen. Es fehlt euch an Glaubwürdigkeit." Bei anderen fällt uns das  schnell auf, wie das Beispiel oben zeigt. Für uns selbst sind wir oft blind. Gerade das Gebot der Nächstenliebe bedeutet eine große Herausforderung: Denn wir alle stehen in der  Gefahr, nur uns oder nur die anderen im Blick zu haben.

Unser Zusammenleben gelingt jedoch nur, wenn wir lernen, mit anderen und mit uns selbst liebevoll umzugehen. In der Politik  kommt es darauf an, dass die Länder der Welt gemeinsam daran arbeiten, wichtige Ziele zu erreichen und das allgemeine Wohl zu sichern. Und es gilt für uns einzelne. Eine Zusammenarbeit nach dem Motto: „Ich zuerst" kann nicht gelingen.  Hand in Hand zu arbeiten, wird möglich, wenn alle die je eigenen Gaben einbringen. Wachsam nehmen wir wahr, wo andere Hilfe benötigen. Mutig bitten wir selbst um Unterstützung. Eins fließt in das andere über. Gemeinsam können wir viel mehr erreichen als allein - und die Freude darüber  spornt an.

In der Hölle heißt es: "Ich zuerst". Im Himmel gibt es kein "Zuerst". Mein Nächster hat denselben Stellenwert wie ich. Gott liegt in seiner Liebe alles daran,  dass jeder Mensch genug zum Leben hat. Darum lohnt es sich, der Nächstenliebe und damit einem Stück Himmel unter uns eine Chance zu geben. Dabei kann uns die Überlegung leiten, was wir uns für uns  selbst wünschen. Gott stattet uns mit  seinem Geist aus, der uns Mut, Kraft und Liebe verleiht. Ein neues Lied findet den Weg auf unsere Lippen: "Gut, dass wir einander haben ..."

 

Irmtraud Fischer, Pfarrerin in Buchen