Gedanken zum Sonntag

- 24.10.2016 - 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am 31. Oktober 2016 beginnt das Jubiläumsjahr zur Reformation, das mit dem 500 jährigen Gedenken zum Thesenanschlag an die Schlosskirche zu Wittenberg am 31 Oktober 1517 dann nächstes Jahr am Reformationstag endet.

 

 

In dieses Jubiläum mischt sich für mich noch immer ein Wermutstropfen. Denn wenn auch der ökumenische Dialog in den letzten hundert Jahren, vor allem nach den verheerenden zwei Weltkriegen des letzten Jahrhunderts, große Fortschritte gemacht hat, sind evangelische und katholische Christen noch immer beim Abendmahl getrennt, weil sie im Grundverständnis keine theologische Übereistimmung finden können und weil das Amtsverständnis im Wege steht. Nun ist es aber so, dass zum Abendmahl der Herr Jesus Christus einlädt. Alle die ihm glauben, lädt er ein. Denn diese Glaubenden werden einst mit ihm am großen Abendmahlstisch sitzen. Wenn ich dieses Bild vor Augen habe, schmerzt mich die Zertrennung der Christenheit, die ja nicht selten zu Religionskriegen geführt hat, bis ins Innerste. Ich wünsche mir deshalb zum Reformationsjubiläum eine noch stärkere Bemühung aller Kirchen, nicht hin zur Gleichheit, wohl aber zur Einheit unter dem Heiland. Das wäre ein Segen hinsichtlich der Herausforderungen, denen das Christentum in Europa derzeit gegenübersteht.

 

Selbstverständlich bin ich froh und freue mich darüber, dass mit der Lutherbibel eine deutsche Bibelübersetzung vorhanden war, die dem Volk aufs Maul geschaut hat. Dadurch konnten die Menschen erstmals die Bibel verstehen und mit Melanchthon, dem großen Humanisten, dem Freund Luthers, dem Präzeptor Germaniae, wurde das Volksschulwesen in Deutschland eingeführt. Damit jeder die Bibel lesen konnte. Die Volksbildung und später die Aufklärung hatten in der Reformation eine ihrer Wurzeln. Die Bibelübersetzung Luthers hatte so eine prägende Auswirkung auf das deutsche Bildungswesen und die deutsche Kultur bis heute. Deshalb bin ich auch gespannt auf die neu revidierte Lutherbibel 2017, die dieses Jahr am Reformationsfest für den kirchlichen Gebrauch freigegeben wird.

 

Eine der wichtigsten Errungenschaften der Reformation bündelt sich aus meiner Sicht in der These Luthers, die in der Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zu finden ist. Sie beschreibt die Evangelische Freiheit, die in der Rechtfertigungslehre gründet. „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Als Christ darf ich in aller Freiheit vor Gott treten, ihm bin ich verantwortlich, er allein, der lebendige Herr und Heiland ist mein Herr sonst keiner. Aus dieser Freiheit heraus darf ich als Christ den Menschen dienen, auf die gleiche Art, wie Jesus sich den Menschen zugewandt hat. Zu dieser Art Dienst braucht es Mut, aber einen anderen Mut als den Heldenmut der Terroristen und Kriegshelden jeglicher Couleur. Um diesen Mut bete ich, für mich persönlich, aber auch für die Menschen in unserem Land. Dass wir demütig werden, dass wir immer wieder von Neuem lernen, aus der Freiheit, die Gott uns schenkt, zu Dienern unserer Mitmenschen zu werden. Wer sich so seinen Mitmenschen zuwendet, der fragt weder nach Herkunft, noch nach Stand, noch nach Religion , noch nach Volkszugehörigkeit des Menschen, dem er begegnet, sondern der sieht in ihm den Nächsten, der ihm von Gott anvertraut ist. Diese Freiheit ernsthaft gelebt, gibt jedem Menschen seinen Platz in dieser Welt  und führt zum politischen wie zum sozialen Frieden. Wer die Inklusion und Integration aller Menschen in unsere Gesellschaft anstrebt, kann nur auf diesem Weg der christlichen Freiheit und ihrem Gegenstück, der christlichen Demut, erfolgreich das Ziel erreichen.

Pfr. Karl Kreß, Walldürn