Gedanken zum Sonntag

- 12.09.2016 - 

Trau dich! Nur nicht so schüchtern!

Das mag ich vielen LeserInnen heute sagen. Mir stehen vor Augen viele ChristInnen, denen der Glaube etwas bedeutet. Oft können sie nicht genau sagen, was das genau ist. Aber sie haben das sichere Gefühl: „Ohne einen Gott würde mir etwas fehlen.“ An den besonderen Wegmarkierungen ihres Lebens wollen sie die Kirche: beim Ja-sagen zueinander bei der Trauung. Bei der Geburt ihres Kindes. Da einen Größeren zu wissen, der mit meinem Kind mitgeht – das entlastet.

 

 

Im Alltag aber verflüchtigt sich dieses Wissen um einen Gott, der mir wichtig ist. Das tägliche Gebet… „Ach Herr Pfarrer, heute war ein normaler Tag. Nichts außergewöhnliches. Ich habe glatt vergessen zu beten. Es war nichts besonders schlimmes, nichts besonders tolles. Nichts, was ich nicht selber schaffe“.

Im Sonntagsevangelium geht es um eine Frau, die Jesus auf den Nerv geht. Sie schreit, lässt nicht locker, zetert, in einer alten Übersetzung heißt es „sie geilte“ dh: sie setzte alles daran, sie brüllte, sie war voller Emotionen. Vielleicht gab es ja in Israel zur Zeit Jesu auch schon das Sprichwort: Glaube versetzt Berge? Jedenfalls traut sie Jesus zu, dass er ihre kranke Tochter wieder gesund macht. Vornehme Zurückhaltung ist ihr fremd, wenn es um ihr Kind geht. 

Vor so viel menschlichem Einsatz kapituliert der zunächst zurückhaltende Jesus. Er heilt.

Mir scheint das eine nur selten gelebte Facette des Glaubens zu sein: Gott etwas zutrauen. Ihn – ja, meinetwegen – auf den Nerv gehen. Mit ihm ringen. Sich nicht zurückhalten. Sich Gott zumuten. In der Hoffnung, dass der Mut wieder zu mir zurückkommt.

Trau dich! Nur nicht so schüchtern! Ich bin mir sicher, die nächste Woche bietet jeden Tag Chancen, diese Haltung des Glaubens auszuprobieren und zu trainieren,

Ihr Mathias Bless, Pfarrer in Eberstadt (Buchen-)