Mit Konflikten umgehen

- 08.07.2016 - 

Die "Gemeinschaft der Heiligen" ist keine Gemeinschaft dauernder Harmonie, sondern ist ein Kreis, in dem man lernt, Spannungen miteinander auszuhalten und gemeinsam an Spannungen zu wachsen. Oft hat man den Eindruck, Konflikte unter Christen seien grundsätzlich etwas Ungutes, Unchristliches. Aber ohne Spannungen gibt es kein Wachstum, ohne Spannungen lernen wir nicht, mit Angst umzugehen. Deshalb sollten auch die unterschiedlichen Standpunkte zu politischen Fragen nicht verdrängt, sondern als eine Chance entdeckt werden, miteinander streiten zu lernen und sich dabei umso intensiver als Kinder des gemeinsamen Vaters im Himmel wertzuachten.

Quelle: Johannes Drechsler

Die seelsorgerlichen Anweisungen des Paulus an die Christen in Korinth finde ich in diesem Zusammenhang hilfreich. Er schreibt in die konfliktgeladene Gemeindesituation hinein: "Spannungen müssen sein, damit die Bewährten unter euch offenbar werden" (1. Korinther 11, 19). "Bewährte" sind "ich - starke Persönlichkeiten", die wie Paulus sagen können: "Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin." (1. Korinther 15, 8). "Bewährte" sind "mündige" Menschen, die in Verantwortung vor Gott ein eigenes geistliches Urteil fällen und dazu stehen können; sie sind nicht davon abhängig, was dieser oder jener meint, wie diese oder jene christliche Gruppierung sie beurteilt.

Paulus geht es immer um "Auferbauung". Deshalb sollen wir uns nicht in unfruchtbaren Streitereien verausgaben, sondern wir sollen lernen, die Spannungen und Konflikte so miteinander auszutragen, dass der einzelne und die gesamte Gemeinschaft daran reifen kann.

Als in der Gemeinde in Rom zu erheblichen Meinungsunterschieden über Fragen des christlichen Lebensstils kam, mahnte Paulus nicht: "Geht doch bitte aufeinander zu und versucht einen Kompromiss", sondern er steigerte das Ganze noch, indem er ermutigte: "Ein jeder sei in seiner eigenen Meinung völlig gewiss!" (Römer 14,5). Paulus will nicht, dass wir den anderen überreden, überfahren, den Konflikt verharmlosen, sondern dass jeder noch überzeugter wird in seiner Person-Mitte. "Jeder sei in seiner eigenen Überzeugung gewiss". Denn: wer weiß, was er selber will, hat auch Raum für andere neben sich. Wo aber Konflikte vermieden werden, kann der einzelne nicht reifen. Wir fördern stattdessen die Angst, denn Ich-Schwäche hat mit Angst, mit Unsicherheit zu tun (vgl. Römer 14, 7-13 und 19-23).

Johannes Markus Drechsler, Bezirksjugendreferent