Fans, Hooligans und christliche Ethik

- 23.06.2016 - 

 

Fußballfieber all überall. Auch ich schreie gerne mit und werde, wenn die deutsche Mannschaft spielt, zum Fan. Nachdenklich machte mich der Satz von Mario Götze: „Mal ist man der Hund, mal ist man der Baum.“  Gefallen sind diese Worte nach der generellen Spielerschelte für das schwache Spiel gegen Polen. Sachliche Kritik soll geübt werden, doch wir greifen mit Beleidigungen die Menschenwürde der Spieler an.

 

 

 

Jesus sagt, wenn ich meinen Mitmenschen einen Idioten heiße, verstoße ich gegen das fünfte Gebot. „Du sollst nicht töten.“ Könnte es nicht sein, dass die Gewalt der Hooligans, das hässliche Gesicht des Fußballfests in Frankreich, in der Missachtung dieses Gebots seine Ursache hat? Wenn Menschen nicht mehr als Menschen wahrgenommen werden, sondern mit Unwörtern zu Unmenschen gemacht werden, hat man sofort angreifbare Feinde. Haben wir uns den Hass und die Gewalt sogenannter Fans selbst zu zuschreiben? Weil wir vergessen haben, richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet? Weil wir Menschen aburteilen und nicht mehr die Sache bewerten?

 

Es ist ja nicht nur beim Fußball so. Wir sind eine Gesellschaft von Richtern geworden. Jede und jeder urteilt und qualifiziert seinen Nächsten ab. Wir zeigen keinen Respekt vor Ämtern und Amtsinhabern und verlieren dabei selbst die Achtung vor anderen und vor uns selbst. Und fällen über uns selbst das Urteil. Wir selbst werden ja dann mit derselben Acht- und Respektlosigkeit gemessen. So manches Mobbing in den Betrieben, auf den Schulhöfen und in den Familien ist auf unsere eigene Urteilssucht zurückzuführen. Richtet nicht auf das ihr nicht gerichtet werdet, das gilt für alle Menschen.

 

Für Christen verschärft sich das. Denn: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi.“ Das, was wir hier auf dieser Erde getan haben, es muss vor dem Schöpfer der Welt verantwortet werden. Von jedem Menschen höchstpersönlich. Da werden wir nicht gefragt werden, wie groß unser Wissen und unsere Ehre ist, welche Aufgaben wir in Staat und Wirtschaft erledigt haben, wo unser Platz in der menschlichen Hierarchie war. Wir werden am Herrn Jesus, dem wahren Menschen, gemessen. Der hat den Sünder nicht verurteilt, sondern die Sünde als Übel betrachtet und bekämpft. Sogar mit seinem eigenen Leben am Kreuz auf Golgatha, damit wir die Sünder, also uns und unsere Nächsten, nicht mehr verurteilen müssen und die Sünde ihm aufladen können. Er hat gesiegt.

 

Weil ich das weiß, habe ich, trotz meiner Sünde und meiner Sünden, keine Angst vor dem Gericht Gottes. Wenn die Sünde besiegt ist, kann sie mich nicht mehr verurteilen. Dann fällt das Gericht Gottes so aus, dass er seine Kinder, die Christen, auf Gott hin ausrichtet. Dass er aus verfehltem Leben wertvolles, ewiges Leben macht. Er macht uns zur neuen Kreatur. Weil Gott mich als Person in Jesus Christus freigesprochen hat, brauche ich meine Mitmenschen nicht mehr aburteilen.

 

Damit sollten wir in unseren Kirchen beginnen, denn Jesus wird uns nicht fragen, ob wir orthodox, evangelisch, katholisch oder freikirchlich sind. Er wird fragen: Lieber Christ, hast du dein ganzes Leben auf mich gesetzt? Und als zweites: Wie bist du mit deinen Mitmenschen umgegangen? Hast du dich ihnen zugewandt, wie ich es getan habe? Wenn wir in diesem Bewusstsein miteinander leben würden, wenn andere sehen könnten, dass wir unsere Mitmenschen liebhaben, könnten dann nicht solche unschönen Szenen wie die Schlägereien am Rande der EM weniger werden? Ja, könnte nicht doch Hoffnung bestehen auf das, was uns in der Bibel zugesagt ist: Friede auf Erden, bei den Menschen seines Wohlgefallens!

Pfr. Karl Kreß, Walldürn